Lehrexport

 

Lehrangebot Darstellungslehre 1 und 2 für verschiedene Studiengänge anderer Fakultäten an der TU Dresden: Kunstgeschichte, Berufspädagogik

 

 

Grundlagen des Entwerfens für das 4. Semester für 80 Studierende im Studiengang Bauingenieurwesen der TU Dresden (Modul gf 1) in Vertretung von Prof. Dr.-Ing. Peer Haller, Lehrstuhl für Ingenieurholzbau und baukonstruktives Entwerfen am Institut für Stahl- und Holzbau


Im weit aufgestellten Studiengang Bauingenieurwesen kommt dem kleinen Modul „Grundlagen des Entwerfens“ (zwanzig Stunden Belegbearbeitungszeit) die Rolle des produktiven Spielverderbers zu: Fast alle baubezogenen Themen sind irgendwie berechenbar. Was aber, wenn uns die Planer nur eine unscharfe Aufgabe bieten und die Umstände keine schnelle Lösung nahe legen sondern Probleme? Was, wenn wir uns die Parameter, Randbedingungen, Ausschlusskriterien usw. alle selbst bestimmen müssen? Irgendetwas soll passieren, doch wie geht man das Problem an, das dann keine Aufgabe mehr ist, von der Lösung ganz zu schweigen?


Im Gegensatz zum klassischen Gestalter, der einer Sache eine äußere Form verpasst, müssen (und wollen) Entwerfer oft „bösartige“ (Horst W. J. Rittel) Probleme lösen. Das ‚Bösartige’ solcher entwerferischer Probleme besteht gerade in ihrer scheinbar verlockenden Offenheit, die eine schnelle willkürliche Lösung nahe legen könnte. Viele neue Probleme werden so nicht als Chancen begriffen, sondern nur bekannten Lösungen zugeordnet.


Schon die Antike kategorisierte Probleme und erzeugte viele wunderbare Ingenieurbauwerke. Dennoch dauerte die Ära der Baustile bis ins 19. Jahrhundert an. Gängige Aufgaben wurden nach den bekannten Regeln gelöst und mit der jeweils aktuellen Dekoration versehen. Erst vor rund zweihundert Jahren entwickelte die École polytechnique eine systematische technische Ausbildung, die von der damals prominenten „Stil-Schule“ der École des Beaux-Arts auf eine „Methoden-Schule“ (Ulrich Pfammatter) orientierte.


Seitdem verläuft die Entwicklung keineswegs gradlinig: Die moderne Architektur des zwanzigsten Jahrhunderts arbeitet mit so genannten ‚reinen’ Formen. Das Weimarer ‚Bauhaus‘ ab 1919 zielte auf das elementare Gestalten im Baukastenprinzip. Andererseits sollte es auch um den Erhalt des künstlerischen Handwerks im Zeitalter der industriellen Massenproduktion gehen. Das Weimarer ‚Bauhaus‘ strebte somit eine Art Rückverbindung der Kunstakademie mit dem als damaliger Sicht vor über hundert Jahren ausgegründeten Polytechnikum an.


Auch heute stellen noch viele Ausbildungsmodelle das elementare Gestalten und das künstlerische Handwerk in den Mittelpunkt ihrer Ausbildung. Erst sollen die Handwerke des Zeichnens, Gestaltens und Konstruierens usw. gelernt werden, um danach zum architektonischen Entwerfen zu schreiten. Das Bestimmen der berufsbezogenen Grundlagen wird jedoch durch die exponentielle Zunahme des menschlichen Wissens immer schwieriger: Was soll ausgebildet werden?


Kaum eine universitäre Ausbildung kann noch alle bekannten Arbeitsfelder einführen und die möglichen Themen umreißen, auf die die Studierenden nach ihrem Studium in einer rund vierzig Jahre langen professionellen Karriere treffen werden. Verschiedene Reformmodelle fordern daher eine „diskontinuierliche“ ‚Selbstausbildung’, um die „Erfahrung der Widerstände, durch Material, Differenz der Pläne [und] Abweichungen“ vermitteln zu können (Hans Ulrich Reck). Es geht, so Reck weiter, um den „Verzicht auf polytechnische Bildung zugunsten experimenteller, exemplarischer und situativer Arbeit“ (Zit. n. Peter Weibel (Hg.): Vom Tafelbild zum globalen Datenraum. Ostfildern-Ruit 2001, S.17, 22f., 28).


Der hier neu entwickelte „Modul gf 1 - Grundlagen des Entwerfens“ in Vertretung von Prof. Dr.-Ing. Peer Haller thematisiert das „exemplarisch-situative Arbeiten“ nach Hans Ulrich Reck. Hier können in einer Art konsequentem Hin- und Herspeichern ästhetische Horizonte und logische Konventionen kaltgestellt werden, um assoziative Stärken frei zu räumen und um das berufsbezogene Probehandeln an unverfänglichen, einfachen Gegenständen starten zu können.


Vorab erklärtes Ziel des Moduls in sieben Teilen war neben einem Überblick über das architektonische Entwerfen und den genannten didaktischen Zielen, den gesamten semesterlangen Prozess als Teil des Leistungsumfangs auf einem selbsterklärlichen Poster A1 zu dokumentieren.


‚Modultagebuch:’


Vorlesung 01: „Gutes, Tolles, Schönes“  

        
Vorlesung 02: „Pläne & Perspektiven“


Vorlesung 03: „Gestalten versus Entwerfen“   

 
Vorlesung 04: „Poster & Broschüre“   


+ zwei Konsultationen nach Liste und als Termin 07 = Jury / Show mit Objekten und Postern

 


Ergänzenden Vorträge im Modul: Prof. Dr.-Ing. Peer Haller: „Gestalten mit Holz“, Lothar Sprenger, Diplomfotograf: „Architekturfotografie“, Prof. Dr.-Ing. habil. Rainer Groh, Fakultät Informatik der TU Dresden: „Virtuelle Räume“, Dr. phil. habil. Thomas Rentsch, Fakultät Philosophie der TU Dresden: „Ästhetik“ (die Vorträge wurden von Prof. Dr.-Ing. Peer Haller organisiert)        


Ausgangspunkt des Moduls ist ein gebrauchtes Stück Holz aus der Wohn- und Lebensumgebung der Studierenden. Einziges Limit: Stück sollte transportabel sein.

 


Schritt 1 / 5
Fotografieren des gebrauchten Stücks Holz von allen entscheidenden Seiten, Ziel: Ausdrucke (>/= 9 x 13 cm) zu Vorlesung 2.

 

[Das Foto zeigt das mit Holzgegenständen und den dazugehörigen Fotosätzen besetzte Hörsaalpult zur zweiten Vorlesung am 22.4.2009]

 

Questionnaire 1: Was ist gute Architektur? - Bitte ein Beispiel für gute Architektur, egal woher.

 

 

 

 

Schritt 2 / 5
in Vorlesung 2 eingeführt:


a.)

Produzieren von zwei+ faszinierenden farbigen Ausdrucke Ihres Stückes Holz, die dazu in Photoshop, Gimp o.ä. ‚freigestellt‘ und nachbearbeitet werden – Ziel: Wirkung des Holzes darstellen.

 

[Andreas Ekkehardt Schulze: „Rindenboot“ in der Gegenüberstellung des nachbehandelten Fotos mit dem neu erzeugten Eigenschatten des Gegenstandes]

 

b.)

Zwei+ Zeichnungen des Holzstücks mit Bleistift. Scannen und korrigieren der Zeichnungen in Photoshop, Gimp o.ä. – Ziel: Das wirkungsvolle Darstellen einer Bleistiftskizze.

 

[Alexander Pilz: Zeichnung einer Holzschale – wie viel kann eine einzige systemische Zeichnung (rechts) mit wenigen Linien an Inhalten gegenüber einer einfach abmalenden Skizze (links) transportieren?]

 

 

= 2 x 2+ Ausdrucke zu Vorlesung 3

 

 

 

Schritt 3 / 5

 

 

Anwenden von mindestens vier der sieben in der zweiten Vorlesung eingeführten algorithmischen Tools nach Benjamin Aranda & Chris Lasch (Tooling. Princeton Architectural Press, N.Y. 2006) auf das Holzmotiv - so nahe wie möglich am Gegenstand und so frei wie nötig, um die Methoden ausprobieren zu können.

Ziel: Produzieren einer Reihe von mindestens vier Zeichnungen pro Methode per geeignetem Computerprogramm; Ausdrucke der Reihen im Format A4 zu Vorlesung 4.

 

 

 

[Kevin Wahl: ‚Zersplittern’]

 

 

 

[Jörg Männer: ‚Spirale’ / ‚Verdrehen’]

 

 

 

[Stefan Woggon: ‚Packen’]

 

 

[Philipp Botor: ‚Zerkleinern und Zusammensetzen’]

 

 

Questionnaire 2: Bitte drei+ Produkte nennen, die Sie mit gutem Design verbinden. Dazu bitte drei Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die Sie als besonders ‚kreativ‘ betrachten.

 

 

 

Schritt 4 / 5

 

Produzieren von fünf bis zehn Reihen von Ideenskizzen (Bleistift, Buntstift) zum geplanten Umgang mit den Industrieholzmustern oder einem anderen maschinell grob vorbeschnittenen Holzstück.

 

 

[Ausgabe von Industrieholzmustern: Jeder bekommt zwei bis drei Industrieholzmuster verschiedener Art und Größe (27.5.2009).]

 

 

Die Skizzen sollen und müssen zeigen, dass die Formideen aus den algorithmischen Tools nicht 1:1 auf das Material Holz übertragen werden können UND dass das Industrieholzmustern zu neuen Entwurfsmotive anregt.

 

 

[Anna Zahn: Bleistiftskizzen zu Schritt 4 (Ausschnitt)]

 

 

 

[Kevin Wahl: Bleistiftskizzen zu Schritt 4 (Ausschnitt)]

 

 

 

[Mathias Poetzsch: Bleistiftskizzen zu Schritt 4]

 

 

 

 

Schritt 5 / 5

 

a.)
Realisieren von mindestens zwei der besprochenen Formideen mit den zur Verfügung gestellten Industrieholzmustern oder anderen maschinell vorbeschnittenen Holzstücken in einer der angebotenen Werkstätten. Ziel: Zwei+ in einer semiprofessionellen Werkstatt erzeugte starke ‚Ideen in Holz‘, keine dilettantische Hobbybastelei, kein Mischen unterschiedlicher Holzarten, kein Nageln.


b.)
Fotografieren der zwei+ in Holz realisierten ‚Ideen in Holz‘ aus den entscheidenden Blick-richtungen vor weißem Hintergrund. Nachbearbeiten der Motive in einem Bildbearbeitungsprogramm - Ziel: Objekt- und Materialwirkung verdeutlichen.


c.)
Montieren der fünf+ wesentlichen Arbeitsschritte des Moduls gf 1 in einem Layoutprogramm zu einem digitalen Poster – Format: A1 Hochformat (594 × 841 mm) nach den in Vorlesung 4 vorgestellten Grundsätzen (Layout und Beschriftung werden vorgegeben). Plotten eines 1:1-Probedrucks.

 


Endpräsentation 15./16.7.2009

 

 

 

[Endpräsentation am 15./16.7.2009 an der Fakultät Architektur]

 

 

a.)

Digitales Poster – Format: A1 Hochformat (594 × 841 mm) sowie b.) zwei+ in Holz realisierte ‚Ideen in Holz‘ aus den zur Verfügung gestellten Industrieholzmustern oder anderen maschinell vorbeschnittenen Holzstücken.

 

Das Ziel der Posterpräsentation bestand im gemeinsamen Überprüfen der mehrfach besprochenen Selbsterklärlichkeit der in Zeilen angeordneten Arbeitsschritte. Die hier gezeigten Beispiele sollen vor allem die Verschiedenheit der einzelnen Arbeitsschritte in einem insgesamt stringenten Prozess darstellen.

 

 

[Poster „Weg zur Form“ von Stephan Woggon, 59,4 x 84,1 cm]

 

 

[Poster „Algorithmische Formenfindung“ von Kevin Wahl, 59,4 x 84,1 cm]

 

 

 

[Poster „Fanatorium“ von Andreas Ekkehardt Schulze,
59,4 x 155cm]

 

 

 

Ziel der Werkstattarbeit mit den Industrieholzmustern war das nachvollziehbare Umsetzen einer neuen Idee aus den Arbeitsschritten 1-4, ohne eine Assoziation mit dem Ausgangsgegenstand zuzulassen (sonst wäre das Attribut ‚neu’ nicht gerechtfertigt).

 

[Philipp Botor: Reihe zu ‚Das Schöne und das Biest’ (Windlicht)]

 

 

[Mathias Poetzsch: Reihe zu ‚Diletanz’ (Brieföffner)]

 

 

[Alexander Pilz: Reihe zu ‚ Quadratwurzel’ (Holzschale)]

 

 

[Daniela Lachica: Reihe zu ‚Holzauber’ (Geduldsspiel)]

 

 

Eine Reihe von weiteren Holzmodellen wird im Wintersemester 2009/2010 in der Architekturabteilung der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden SLUB ausgestellt.


Ich bedanke mich bei den Mitarbeitern am Lehrstuhl für Ingenieurholzbau und baukonstruktives Entwerfen am Institut für Stahl- und Holzbau, insbesondere bei Dipl.-Ing. Ralf Menzel. Ein großer Dank geht zudem  an die Firmen Thermoholz Spreewald GmbH, Lübbenau, Finnforest Merk GmbH, Aichach sowie Mayr-Melnhof Kaufmann Reuthe GmbH, A - 6870 Reuthe, die die große Zahl von Industrieholzmustern zur Verfügung stellten.

 

 

Niels-Christian Fritsche, April-August 2009.